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Fragen & Antworten

Was sollte der Unternehmer als ersten Schritt tun, wenn er sein Innovationsmanagement verstärken will?
Wentz: Er sollte die Rolle definieren, die Innovation in seinem Unternehmen spielen soll, und vor allem quantitative Innovationsziele setzen. Denn wie es heißt: “Du bekommst, was Du misst !” Umgekehrt heißt das allerdings auch, dass Fortschritte im Innovations-management bescheidener sein werden, wenn die Fortschritte nicht anhand von quantitativen Zielen überprüft werden.

Was sind gute Innovationsziele?
Wentz: Zum Beispiel der Prozentsatz Ihres Unternehmensumsatzes im Jahr 3 von heute, der aus den Innovationen der nächsten 3 Jahre resultieren soll, oder einfach die Anzahl der Innovationen, die in 1 Jahr, 2 Jahren bzw. 3 Jahren von heute auf den Markt kommen sollen. Die besten Innovationsziele sind solche Outputziele, die das gewünschte Ergebnis der Innovationstätigkeit definieren. 3M z.B. verfolgt das Outputziel, dass 30% des Firmen-umsatzes von Produkten stammen soll, die vor vier Jahren noch nicht existierten. Und Pfizer, das größte Pharmazieunternehmen der Welt, hat sich vorgenommen, ab 2010 jedes Jahr sechs neue Medikamente in den Markt einzuführen.

Welche einzelne Maßnahme bringt dem Unternehmen den größten Schub in seiner Innovationsfähigkeit ?
Wentz: Der Innovationserfolg eines Unternehmens hängt von einem System mehrerer Komponenten ab, die alle vorliegen müssen, damit das Unternehmen ein wirklicher Innovator wird. Eine einzelne Maßnahme wird nicht ausreichen. Bei einer vereinfachten Beschreibung dieses Systems sind fünf Komponenten entscheidend: Innovationsstrategie, Innovationsprozess, Innovationsstruktur, Innovationsfähigkeiten und Innovationskultur.

Aber wenn ein Unternehmen sich ganz neu dem Thema Innovationsmanagement widmet, wo soll es anfangen?
Wentz: Als die ersten zwei Maßnahmenbereiche würde ich dann die Definition der Innovationsstrategie und die Festlegung eines einfachen Innovationsprozesses nennen.

Können kleinere Unternehmen wirklich von den Top 10 Innovatoren der Welt lernen ?
Wentz: Mit Sicherheit. Top-Innovatoren wie Apple, Google, Toyota, 3M und Procter & Gamble halten viele wertvolle Lehren bereit, die auch kleineren Unternehmen helfen.

Welche anderen Unternehmen können als Vorbilder fürs Innovationsmanagement dienen?
Wentz: Es gibt viele kleine oder mittelgroße Unternehmen, viele der so genannten “Hidden Champions”, die auch hervorragende Innovatoren sind. Die Empfehlung, von den weltweit besten Innovatoren zu lernen heißt natürlich nicht, dass kleinere Unternehmen nur von diesen Firmen lernen können und sollten.

Wenn ein Unternehmen Innovationsmanagement zum Thema machen will, sollte es mit einer radikalen Innovation starten oder mit einer inkrementalen?
Wentz: Beide Innovationstypen sind wichtig, die radikale Innovation genauso wie die inkrementale. Wichtig ist, dass das Unternehmen einfach anfängt, eine erste Innovation in den Markt zu bringen, egal ob radikal oder inkremental. Allerdings sind inkrementale Innovationen grundsätzlich einfacher zu managen. Deshalb ist die Einführung einer inkrementalen Innovation ein guter Startpunkt.

Und mittelfristig?
Wentz: Mittelfristig sollte ein Unternehmen bestrebt sein, eine gute Mischung von radikalen und inkrementalen Innovationsprojekten im Portfolio zu haben. Tatsache ist, dass inkrementale Innovationen heute in den Innovationsportfolien der Unternehmen im Durchschnitt 85% bis 90% ausmachen. Der Rest sind radikale Innovationen.

Wie vertragen sich Kreativität und Disziplin im Unternehmen ?
Wentz: Beide sind wichtig. Und sie widersprechen sich auch nicht, im Gegensatz zu dem, was einige meinen. Die besten Innovatoren kombinieren Kreativität bzw. Unternehmergeist mit Disziplin.

Sollte ein Unternehmen seine Innovationsaktivitäten nicht erst einmal zurückstellen, wenn es noch große Verbesserungspotentiale in seiner Kostenstruktur, im Ausbau der Distribution, bei der globalen Expansion in neue Märkte und durch Akquisitionen heben kann?
Wentz: Auf keinen Fall. Die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens ist von kritischer Bedeutung für die Überlebensfähigkeit des Unternehmens. Sie muss trainiert werden. Procter & Ganbles Vorstandsvorsitzender Lafley hat treffend gesagt, dass organisches Wachstum besser sei, weil es den Innovationsmuskel des Unternehmens trainiere, und je mehr dieser Muskel benutzt werde, desto stärker werde er. Verbesserungen in der Kostenstruktur, durch Distributionsausbau, durch globale Expansion und durch Akquisitionen dagegen tragen nur eine gewisse Zeit.

Wie kann ein Unternehmen große Innovationsideen finden?
Wentz: Es gibt eine riesige Anzahl von verschiedenen Innovationsquellen. Gewöhnlich unterscheidet man zwischen externen Quellen wie Konkurrenz, andere Industrien, Lieferanten, Endkunden oder Handel und internen Quellen. Es ist letztlich nur eine Frage der Kreativität, neue Ideenquellen zu entdecken, und eine Fleißaufgabe, um alle Quellen zu erforschen.

Wie kann ein Unternehmen Ideen anzapfen, die extern vielleicht vorhanden sind ?
Wentz: Extern erwerben Top-Innovatoren vorhandene Ideen zunehmend über Akquisitionen, Joint-Ventures oder Einlizenzierung. Außerdem heben immer mehr Unternehmen vorhandene Ideen über sogenannte Lead User. Lead User entwickeln selbst Breakthrough Ideen. Sie stehen an der Spitze eines Markttrends. 3M hat festgestellt, dass Ideen von Lead Usern im Durchschnitt zu einem achtmal höheren Umsatz führen als intern produzierte Ideen.

Haben Sie ein Beispiel für Innovation mit Hilfe von Lead Usern?
Wentz: Nehmen Sie Microsoft. Microsofts Xbox 360 Spielkonsole bindet Lead User über den XNA Game Studio Express in seine Innovationstätigkeit ein. Nutzer können Microsoft-Programmierwerkzeuge im Internet herunter laden, um damit eigene Videospiele von Hause aus für die Xbox 360 zu konstruieren. Nach Fertigstellung ihrer Spiele laden diese Hobby-Programmierer dann ihre Kreationen auf die Xbox Live Website hoch und stellen sie dort zum Verkauf ein.

Lead User sind richtige Innovatoren. Sie entwickeln Innovationen bis zur Marktreife. Wie sieht es mit externen Erfindern aus? Wie können Unternehmen ihren Ideenreichtum anzapfen?
Wentz: Procter & Gambles Connect + Develop Organisation zeigt wie dies geht.. P&Gs 60 Mann Connect+Develop Truppe beschafft externe Ideen und Lösungen offline. Diese P&G Mitarbeiter sind weltweit unterwegs, um persönliche Netzwerke zu Wissenschaftlern und Erfindern zu knüpfen. Die offline Tätigkeit ergänzt Connect+Develop durch externe online Organisationslösungen für die Beschaffung von Innovationsideen und -lösungen. Dafür bedient es sich der Online-Dienste von Firmen wie Your Encore, NineSigma und InnoCentive. Über diese externen Plattformen sucht P&G Lösungen für gut definierte technische Probleme.

Welchen Stellenwert hat die Innovationskultur ?
Wentz: Einen sehr großen. Die Innovationskultur ist eine der Hauptkomponenten im Innovationssystem.
Eine Firma wie 3M hat über mehr als 100 Jahren eine extrem starke Innovationskultur herausgebildet. Fast wie eine Venture Capital Firma erleichtert 3M die Entstehung von neuen Unternehmen von unten aus der Organisation heraus. 3M versucht bewusst, seinen Mitarbeitern nicht im Wege zu stehen. Seine technischen Mitarbeiter dürfen 15% ihrer Zeit auf ihre Lieblingsprojekte verwenden. Es wird ihnen leicht gemacht, sich über die Bereichsgrenzen hinweg selbst zu organisieren und Teams zu gründen.
Oder nehmen Sie Google. Google besteht erst seit 1998. Seine Gründer haben frühzeitig erkannt, wie wichtig es ist, die einzigartige Innovationskultur ihres jungen Unternehmens wie ein Juwel zu erhalten und zu pflegen. Das haben sie zu ihrem persönlichen Top Anliegen gemacht.