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Jan 16

Innovationscenter Indien: Innovationsmaschine Tata Motors launcht disruptive Innovation Tata Nano. Wo bleibt Volkswagen?

Am 10. Januar wurde nicht nur ein Geheimnis gelüftet: Tata Motors, wie erwartet, hat die disruptive Innovation eines “Ein Lakh People´s Car (Volkswagen)“ vorgestellt. Der Wagen heißt Nano (wie Apples iPod Nano). Gleichzeitig haben große deutsche Automobilzulieferer wie Bosch und Continental offenbart, wie stark sie mit ihren indischen Tochtergesellschaften an der disruptiven Innovation Tata Nano beteiligt sind. Damit präsentiert sich Indien einmal mehr als ein Innovationscenter. Aber wie sieht Volkswagens Innovationsstrategie aus?

Tata Motors hat sein Versprechen wahr gemacht. Der Nano wird in der Grundversion nur etwa ein Lakh = 100.000 Rupees oder etwa 2.000 Euro kosten. Ein Preis, der bisher unvorstellbar war. Und dabei sieht der Nano von außen durchaus gefällig aus.

Abb.: Disruptive Innovation Tata Motors Basisversion

Die Innovation des Tata Nano erscheint wie maßgeschneidert für den indischen Markt und andere Schwellenländer. Der Chairman von Tata Motors, Ratan Tata, wollte mit dieser disruptiven Innovation eine Lösung finde für die vierköpfige indische Familie. Seine Consumer Insight war, dass diese Familie oft zu viert auf einem unsicheren Motorrad auf Indiens Straßen unterwegs ist. Es müsste möglich sein, das Bedürfnis dieser Familie nach einer sichereren und komfortableren Fortbewegungsmethode auf erschwingliche Weise zu erfüllen.

Die Lösung ist jetzt der Tata Nano, geboren vom Innovationscenter Indien und von der neuen Innovationsmaschine Tata Motors. Ratan Tata vergleicht seinen Nano mit der niedrigpreisigen disruptiven Innovation der Swatch-Uhr im Uhrenmarkt.

Der Nano erfüllt die indischen Sicherheitsvorschriften, insbesondere soll er Crash-Tests von vorne, hinten und von den Seiten bestanden haben. Der Nano erfüllt die lokale Emissionsnorm Bharat III bzw. die Euro- 4 Emissionsnorm. Damit soll der Nano weniger Emission verursachen als ein indisches Motorrad. Der Benzinverbrauch liegt etwas unter 5 Liter pro hundert Kilometer. Das ist kein weltmeisterlicher Verbrauchswert, aber ein sehr guter.

Wie hat es Tata Motors geschafft, eine solche disruptive Innovation zu diesem Preis auf die Beine zu stellen? Folgende Hauptfaktoren haben dazu beigetragen:

– Konzentration auf das Wesentliche: da die Hauptzielgruppe die bisherigen Moped- und Motorradfahrer sind, verzichtet der Nano auf teure Teile wie z.B. Airbag (es gibt aber einen Sicherheitsgurt), ABS, Autoradio, Servolenkung und elektrische Fensterheber. Auch eine Klimaanlage gibt es im Grundmodell nicht, wohl aber in der Luxusversion.

– Kreatives innovatives Überdenken von Produkt und Geschäftsmodell. So ist z.B. der Tachometer in der Mitte des Armaturenbrettes platziert, damit dasselbe Armaturenbrett für Autoversionen mit Rechtssteuerung und mit Linkssteuerung verwendet werden kann. Die Türgriffe und Türmechanismen rechts und links sind identisch, wiederum um maximale Kostendegression über Skaleneffekte zu erreichen. Die Montage des Autos will Tata Motors stark dezentralisieren und dabei selbständige Franchisenehmer einbinden.

– Effizienzsteigerung der Prozesse. So werden 30-40% der Teile des Nano über Internetauktionen eingekauft. Metallteile werden teilweise durch Plastikteile ersetzt, die nicht zusammengeschweißt, sondern nur zusammengeklebt werden.

– Unschlagbar niedrige Lohnkosten im Innovationscenter Indien.

Wesentlich beteiligt am Tata Nano sind deutsche Automobilzulieferer. Dass BASF Plastikteile zu dieser disruptiven Innovation beisteuert, war bereits bekannt. In welchem Maße Bosch und Continental am Nano beteiligt sind, ist die große Überraschung. Beide Firmen haben ihre indischen Tochtergesellschaften inzwischen zu einem lokalen low-cost Innovationscenter ausgebaut. Bosch stattet den Nano über seine indische Tochtergesellschaft Mico mit Einspritztechnik, Bremssystem und Autoelektrik aus. Bosch soll insgesamt zehn Prozent der gesamten Bauteile des Nano liefern. Continental steuert aus seinem indischen Innovationscenter und Werk für den Nano die Benzinpumpe und den Füllsensor bei.

Bei soviel deutscher Beteiligung am Nano stellt sich die Frage: und was macht Volkswagen in Indien? Wie nutzt es dieses neue Innovationscenter? Bislang ist Volkswagen in Indien wenig präsent, vor allem nicht im Niedrigstpreissegment. Die Frankfurter Allgemeine meint, Volkswagen wolle in diesem Segment mitmischen. Auf der IAA habe es ja das Konzeptauto „Up“ vorgestellt. Es genüge auch modernsten Umweltanforderungen und dürfte circa 9000 Euro kosten. Aber genau dieser Preis zeigt, dass auch der „Up“ nicht im Niedrigstpreissegment mitmischen wird; denn mit 9000 Euro wäre der „Up“ viereinhalb mal so teuer wie der Tata Nano und würde deshalb in einem ganz anderen Segment mit offensichtlich wesentlich niedrigerem Absatzpotential konkurrieren. Tatsache ist also, dass Volkswagen einen dramatischen zeitlichen Rückstand gegenüber Tata Motors im Niedrigstpreissegment hat. „Low Cost erfordert höchste Innovationskraft. Das passt gut zu einem deutschen Unternehmen“, meint Bosch Bereichsvorstand Scheider. Warum hat Volkswagen das bisher nicht so gesehen? VW-Sprecher Schröder meint, dass es für VW momentan noch nicht ganz nachvollziehbar sei, auf der Billigwelle mit zu schwimmen. „Wir blicken durch die europäische Brille und versuchen, unser Wissen nach Indien zu transferieren“. Das aber dürfte die falsche Brille sein. Für den indischen Markt und die dortigen Bedürfnisse ist die indische Brille aufzusetzen und sind die spezifischen Vorzüge des Innovationscenter Indien zu nutzen. An anderer Stelle wird ein VW-Sprecher mit den Worten zitiert, dass VW ein so indisches Auto wie den Nano nicht hinkriegen würde. Die Erklärung: „Weil unsere Ingenieure so technisch schräg wie die Inder überhaupt nicht denken können“. Eben deshalb haben Innovationsführer wie z.B. die Innovationsmaschine SAP oder die Innovationsmaschine GE oder Cisco bereits vor einiger Zeit ihr Innovationscenter für low-cost Produkte in Märkte wie Indien verlegt und beschäftigen dort lokale Ingenieure, die eben gerade diese lokale innovative Niedrigstkosten-Denkweise gewohnt sind und den indischen Markt und Verbraucher genauestens kennen.

Die Kommentare bezüglich Volkswagens Innovationsstrategie gelten natürlich in ähnlicher Form für die unklare Innovationsstrategie der Innovationsmaschine Toyota.

Derweil ist Tata Motors dabei, sich als neue Innovationsmaschine im Automobilmarkt zu etablieren. Auf der Innovationsplattform des Tata Nano führt Tata Motors nicht nur eine Luxusversion mit z.B. Klimaanlage ein, sondern plant die Einführung inkrementaler Innovationen wie Nano-Versionen mit PS-stärkeren Motoren, mit Dieselmotoren, mit Automatikgetriebe usw., um den Niedrigstkostenmarkt breit zu besetzen. Und dann sind da ja noch Tatas Innovationskonzepte hybrider Fahrzeuge, vor allem die radikale Innovation eines Hybrid-Autos mit gemischtem Pressluft + Benzinantrieb, der mit der kleinen französischen Firma MDI entwickelt wird. Die westlichen Automobilfirmen werden sich vor dieser neuen Innovationsmaschine in acht nehmen müssen..

(c) Rolf-Christian Wentz