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Jun 20

Corporate Innovationsmanagement und Open Innovation mit Start-ups in Deutschland

Etablierte deutsche Unternehmen (sog. Corporates) verstehen zunehmend, dass sie im Innovationsmanagement agiler werden müssen. Oftmals ist die Digitalisierung der Auslöser. Start-ups dienen den Corporates als Vorbild. Start-up-Kontakte werden immer wichtiger. Corporate Innovationsmanagement und Open Innovation mit Start-ups rückt in den Fokus. Einerseits im Sinne von Open Innovation, um z.B. den Zugang zu neuen Technologien und Geschäftsmodellen zu bekommen. Andererseits um die eigene Organisation durch die Start-up-Kultur zu inspirieren, was oft in der Gründung interner Start-ups resultiert, die wiederum das allgemeine Innovationsmanagement des etablierten Unternehmens inspirieren. Die Entwicklung einer agilen Innovationskultur mit Hilfe von Start-ups bzw. die Erfolgsfaktoren agiler Innovationsteams habe ich bereits anderswo beschrieben (s.u.). Corporate Innovationsmanagement und Open Innovation mit Start-ups in Deutschland ist der Gegenstand dieses Beitrags. Es geht es um spezielle Alternativen für die Innovationsorganisation.

Beispiel: Externes Start-up

Am 17. November 2017 eröffnet die Daimler AG das Mercedes-Benz Research & Development Center in Tel Aviv, Israel als Teil seines globalen F&E Netzwerks. Ziel ist es, u.a. in Zusammenarbeit mit externen israelischen Start-ups Technologien für das vernetzte Fahrzeug zu entwickeln. Ein Weg der Kooperation mit diesen Start-ups führt über den Accelerator „The Bridge“, den Mercedes-Benz als Sponsor unterstützt und für dessen siebenmonatiges Programm sich auch das agile Start-up Anagog, das im Oktober 2010 von Gil Levy und Yaron Aizenbud in Tel Aviv gegründet wurde, angemeldet hat. Das Accelerator-Programm von „The Bridge“ bietet den teilnehmenden Start-ups  – neben Training und Coaching –  den Zugang zu Managern der Sponsoren wie Mercedes-Benz. Anagogs Kooperation mit Mercedes-Benz führt zur neuen EQ Ready App, die beide Partner in weniger als 5 Monaten zusammen entwickeln. Diese App unterstützt Fahrer in der Entscheidung, ob sie zu einem elektrischen Auto oder einem Hybridfahrzeug wechseln sollten. Am 26. Februar 2018 investiert Daimlers Corporate Venture Fonds in Anagog im Rahmen einer Series B Finanzierungsrunde.

Beispiel: Internes Start-up

Im März 2017 fragen sich Florian Ade und Julian Fieres, warum in modernen Fahrzeugen optische Sensoren wie Radar oder Lidar genutzt werden, aber keine Akustiksensoren. Ade ist Senior Manager Corporate Strategy der ZF Friedrichshafen AG und seit 2014 bei ZF. Fieres ist Head of Strategy, Business Development und M&A in der Division E-Mobility der ZF Group und seit 2013 bei ZF. Beide sind überzeugt, dass Hören ein wichtiger Sicherheitsfaktor im Straßenverkehr ist. Wenn der Fahrer im Auto laute Musik an hat, müsste ihn ein Mikrofon frühzeitig vor einer herannahenden Feuerwehr warnen können. Und wenn sich ein Krankenwagen nähert, müsste der Sensor dabei helfen zu erkennen, aus welcher Richtung er kommt. Da die technische Lösung künstliche Intelligenz erfordert, nennen Ade und Fieres ihren internen Start-up Sound.AI. Im Juli 2017 nehmen beide an der ZF-internen Innovation Challenge 2017 teil. Sie gewinnen, erhalten ein erstes Investment von ZF und gründen ihr agiles internes Start-Up-Team. Innerhalb weniger Monate bauen sie mit den agilen Methoden eines Lean Start-ups ein minimal funktionsfähiges Produkt (Minimum Viable Product = MVP), das kurz vor Weihnachten den ersten Praxistest besteht. Daraufhin entscheidet ZF, das Produkt  bis zur Serienreife zu entwickeln..

Unzählige Kontaktmöglichkeiten zu Start-ups

Es gibt unzählige Kontaktmöglichkeiten zu Start-ups. In diesem Beitrag stehen vier strukturelle Alternativen der Innovationsorganisation im Fokus: Inkubator, Accelerator, Corporate Venture Fonds, Innovationswettbewerb und Hackathon.

Inkubator und Accelerator

Inkubatoren und Akzeleratoren verfolgen grundsätzlich ähnliche Ziele. Während aber im Inkubator wie z.B. VWs „Digital:Lab“ neue Geschäftsideen geboren und schrittweise entwickelt werden, der Fokus also auf der Explorationsphase des Innovationprozesses liegt, soll ein Accelerator wie SAPs „IoT Startup Accelerator“ die Skalierung eines schon länger bestehenden Start-ups durch die Zurverfügungstellung zusätzlicher Ressourcen und den Zugang zum Vertrieb, den Kunden und eventuell sogar der Technologie und den Daten des etablierten Unternehmens vorantreiben und beschleunigen. Ein zweiter Unterschied zwischen beiden Organisationsformen besteht darin, dass für die Start-ups die Zeit in Acceleratoren normalerweise auf 6 Monate beschränkt ist, während Inkubatoren zeitliche Limitierungen oft nicht kennen, sondern sich das Ende des Projektes dann ergibt, wenn die Idee nicht mehr für verfolgenswert gehalten wird. Viele Unternehmen schalten Inkubator und Akzelerator hinter einander, so dass sie gleichsam verschmelzen, wie es z.B. Boschs Intrapreneur-Plattform „Grow“  tut.

Inkubatoren bzw. Acceleratoren können sich hinsichtlich der Mischung der aufgenommenen Innovationsteams unterscheiden. Es gibt grundsätzlich drei verschiedene Ausgestaltungen: Sie können ausschließlich interne Teams betreuen. Oder ausschließlich externe Start-up-Teams. Oder eine Mischung von beiden. In der Praxis nehmen Inkubatoren überwiegend interne Innovationsteams auf, während Acceleratoren fast ausschließlich externe Innovationsteams unterstützen, die ihre externen, oft disruptiven Ideen einbringen. Acceleratoren sind daher auch besonders für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle geeignet, die aktuell gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung von zunehmender Relevanz sind.

Sehr wirksam sind Inkubatoren und Akzeleratoren, in denen unternehmensinterne Innovationsteams direkt neben externen Start-ups arbeiten wie z.B. im „Leaps by Bayer“ Inkubator. Die internen Teams können so die Denk- und Arbeitsweise und vor allem auch die Start-up-Kultur der externen Teams kennen lernen und verinnerlichen.

Unternehmen können einen eigenen Inkubator und/oder Accelerator haben. Viele, vor allem kleinere Unternehmen ziehen es vor, sich an einem Inkubator bzw. Accelerator zu beteiligen, z.B. an dem Inkubator „InsurLab Germany“ der Versicherungsbranche oder an dem Accelerator „Startup Autobahn“ der Automobilbranche.

Corporate Venture Fonds, Innovationswettbewerb, Hackathon

Eine besondere Organisationsform des Innovationsmanagements ist ein Corporate Venture Fonds (CVF) wie z.B. der Next47 Fonds von Siemens, der 1 Mrd. Euro Kapital für externe Investitionen über 5 Jahre bereit hält. CVFs sind autonome Geschäftseinheiten, die Corporate Venture Capital (CVC) in innovative und vielversprechende externe Start-ups investieren und diese längerfristig begleiten. Unternehmen können einen eigenen CVF haben. Viele Unternehmen beteiligen sich aber auch an externen Venture Fonds wie z.B. dem High-Tech Gründerfonds.

Innovationswettbewerbe wie z.B. die Innovation Challenge von ZF Friedrichshafen, auf der die beiden Gründer des internen Start-ups Sound.AI in der abschließenden „Pitch Night“  ihren innovativen Akustiksensor präsentieren, haben relativ eng gefasste Themen. Die Teams haben gewöhnlich mehrere Monate Zeit für die Entwicklung ihrer Lösung.

In Hackathons dagegen entwickeln Teams normalerweise in 24-bis-48-Stunden-Sprints Prototypen einer neuen Software oder Hardware. Die Aufgabenstellung ist breiter als bei Innovationswettbewerben.  Hackathons wie z.B. die der Allianz oder der Deutschen Telekom, an denen meist auch eigene Teams teilnehmen bzw. bei denen zumindest eigene Mitarbeiter mit externen Teams in Kontakt kommen, sind gute Beispiele.

Entwicklungsstand des Corporate Innovationsmanagement und Open Innovation mit Start-ups in Deutschland

Stand Juni 2021 haben wir 249 Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und Zentrale in Deutschland identifiziert und untersucht, die Open Innovation betreiben und Kontakte zu Start-ups in Form von Inkubator, Accelerator, Corporate Venture Fonds, Innovationswettbewerb bzw. Hackathon praktizieren.

Corporate Innovationsmanagement und Open Innovation mit Start-ups in Deutschland

Abbildung: Corporate Innovationsmanagement und Open Innovation mit Start-ups in Deutschland (zwecks Vergrößerung auf Tabelle klicken)

Von den 249 Unternehmen mit Firmenzentrale in Deutschland haben 199 (80%) (z.B. Boehringer Ingelheim, Thyssen-Krupp, Wilo) zumindest einen Inkubator (der je nach Ausprägung auch Innovation Lab, Company Builder oder Innovation Hub genannt wird) oder einen Accelerator (z.B. Adidas, Deutsche Bahn, EOS) oder halten daran eine Beteiligung. 75% (150) dieser 199 Firmen haben den Inkubator bzw. Accelerator erst in der Zeit seit Anfang 2016 gegründet bzw. die Beteiligung daran erworben. 7% (17) der 199 Firmen sind erst in den letzten 9 Monaten dazu gekommen. Von den 199 Unternehmen haben 39 (21%) sowohl einen Inkubator als auch einen Accelerator bzw. sind an diesen beteiligt.

128 (51%) der untersuchten 249 Unternehmen haben zumindest einen eigenen Inkubator bzw. sind an einem solchen beteiligt wie z.B. dem Inkubator „InsurLab Germany“, der viele Mitglieder aus der Versicherungsbranche hat wie z.B. die ARAG, Debeka oder Gothaer Versicherung. 108 (43%) haben zumindest einen eigenen Accelerator oder – und das ist die überwiegende Mehrheit – sind an einem solchen beteiligt wie z.B. dem

  • Accelerator „STARTUP AUTOBAHN“ mit Partnern wie z.B. Daimler, ZF, BASF, Porsche, Deutsche Post DHL, Webasto, Benteler, Hella, Linde
  • Accelerator „Beyond1435 Open Innovation Platform“, an dem z.B. die Deutsche Bahn, Siemens, Alba, TUI beteiligt sind,
  • „Next Media Accelerator“, deren Partner dpa, Axel Springer, Funke Medien, Die Zeit, Madsack, media + more venture und die Spiegel Gruppe sind,
  • „Next Commerce Accelerator“ mit Partnern wie z.B. Beiersdorf, J. Darboven, Edeka, Tchibo
  • „Next Logistics Accelerator“ mit Beteiligungen von Fiege, Jungheinrich, Helm, HHLA, Körber, Rhenus
  • „M.Tech Accelerator“, an dem z.B. ENBW, Daimler Financial Services, Deutsche Bank, Festo, Kärcher, Mahle, MBtech, Recaro, Bosch, Software AG, Trumpf, Deutsche Telekom beteiligt sind,
  • „Universal Home Accelerator“ mit Partnerschaften von Miele, Gira, Poggenpohl, Vaillant, WMF, Dornbracht
  • Accelerator „Seedhouse“ mit 32 beteiligten Partnern wie z.B. Apetito, Berentzen, Big Dutchman, Coppenrath & Wiese, Grimme, Homann, Krone, Lemken, Wiesenhof.

Von den 108 Unternehmen mit Accelerator bzw. Beteiligung daran sind 14 Unternehmen Partner bzw. Eigentümer von zwei Acceleratoren, weitere 10 Unternehmen wie z.B. Bosch oder Daimler sogar von drei oder mehr Acceleratoren.

39 (21%) der Unternehmen wie z.B. Trumpf, Zalando oder ZF Friedrichshafen haben sowohl mindestens einen Inkubator als auch mindestens einen Accelerator  bzw. sind an solchen beteiligt.

Nur 11% der Unternehmen mit einem eigenen Inkubator oder einer Beteiligung an einem solchen, zu denen  Firmen wie Alba oder SMS gehören, lassen sich durch externe Experten (z.B. Plug & Play, etventure usw.) beim laufenden Betrieb des eigenen Inkubator unterstützen oder beteiligen sich am Inkubator eines solchen Experten. Bei Acceleratoren ist eine Partnerschaft mit diesen externen Experten (Plug & Play, Startupbootcamp, Rocketspace, TechStars usw.) wesentlich häufiger. 32% der Unternehmen bauen dabei auf deren laufende Unterstützung (Beispiel: der Startup Autobahn Accelerator, unterstützt durch Plug & Play) oder beteiligen sich gleich an dem Accelerator eines solchen Experten.

Ein Erfolgsfaktor von Inkubatoren bzw. Acceleratoren ist es, wenn der Leiter einen Startup-Hintergrund aufweist und so die Kultur und die Arbeitsweise der Start-ups aus eigener Erfahrung vermitteln kann. Das ist bei den von externen Experten geführten Inkubatoren bzw. Acceleratoren, an denen sich die Unternehmen beteiligen können, praktisch immer der Fall. Diese mit eingerechnet, haben 40% bzw. 54% der Unternehmen mit Inkubator bzw. Accelerator einen solchen qualifizierten Leiter mit Startup-Hintergrund.

Von den 128 Unternehmen mit Inkubator bzw. einer Beteiligung daran haben 63 (48%) einen Inkubator nur für interne Teams, und 30 Unternehmen (24%)  einen Inkubator nur für externe Teams oder eine Beteiligung an einem solchen Inkubator. 35 Unternehmen (27%) besitzen einen Inkubator sowohl für interne Teams als auch einen Inkubator für externe Teams oder sind daran zumindest beteiligt. Von diesen 35 Unternehmen bringen 27 wie z.B. Bayer, Gruner + Jahr oder die Deutsche Bank in ihrem Inkubator bzw. dem Inkubator, an dem sie beteiligt sind, externe und interne Teams zusammen und beschleunigen damit den Lernprozess der internen Teams.

Bei den Acceleratoren sind 96% für externe Teams reserviert. Nur 4% der Unternehmen (z.B. EON, Siemens, Osram) haben einen Accelerator bzw. sind an einem solchen beteiligt, in dem direkt neben den externen Start-ups Teams auch interne Teams arbeiten, und fördern so den Lerntransfer.

Bei Start-ups stellt sich die Frage nach der optimalen Entfernung zwischen dem Standort des Start-ups und der Zentrale des etablierten Unternehmens. Auf der einen Seite sollen die Start-ups weit genug entfernt sein, um ganz neue, möglichst auch disruptive Ideen entwickeln zu können. Auf der anderen Seite sollen sie auf die Ressourcen des Corporate Partners zugreifen können, was für eine gute Erreichbarkeit spricht. Es lässt sich vermuten, dass Inkubatoren, die schwerpunktmäßig interne Start-ups unterstützen, nicht zu weit entfernt platziert werden, während Acceleratoren, die im Wesentlichen für externe Start-ups geschaffen werden, von denen disruptive Ideen und Geschäftsmodelle erwartet werden, in weiterer Entfernung liegen. Diese Hypothese bestätigt sich nur zum Teil.  39% der Unternehmen wie z.B. B. Braun oder Claas haben Inkubatoren, die  weniger als 5 km von der Unternehmenszentrale entfernt sind, 32% der Firmen wie z.B. ENBW oder KSB haben Inkubatoren in mehr als 5 km und weniger als 100 km  Entfernung, und immerhin 39% der Unternehmen wie z.B. Klöckner oder Lenze haben ihren Inkubator in mehr als 100 km Entfernung. Von diesen weit entfernten Inkubatoren haben 47% ihren Sitz in Berlin. Bei den Acceleratoren sind 50% mehr als 100 km entfernt von der Unternehmenszentrale, und davon sind wiederum 43% in Berlin.

101 oder 41 % der untersuchten Unternehmen haben einen eigenen Corporate Venture Fonds oder sind an einem dritten Venture Fonds beteiligt. 68% der 1010 Firmen haben einen eigenen Fonds bzw. 56% sind in einem externen Venture Fonds investiert.

12% der deutschen Unternehmen organisieren oder sponsern Innovationswettbewerbe, um als Prototypen ausgearbeitete Lösungsvorschläge zu konkreten Themen präsentiert zu bekommen, und 59% organisieren oder sponsern Hackathons, an denen neben externen Teams normalerweise auch interne Teams teilnehmen.

Fazit

Deutsche Unternehmen machen große Fortschritte in der Nutzung von Start-up-Kontakten, um in ihrem Innovationsmanagement agiler zu werden. Immer mehr Unternehmen nutzen Alternativen der Innovationsorganisation wie Inkubator, Accelerator, Corporate Venture Fonds, Innovationswettbewerb oder Hackathon. Gerade bei den mittelgroßen Unternehmen gibt es ein starke Tendenz zur Kooperation, um z.B. Inkubatoren bzw. Acceleratoren zusammen effizient nutzen zu können. Allerdings zeigt sich insgesamt ein erhebliches,  noch nicht ausgeschöpftes Potenzial, die Transformation zum agilen Innovator durch die gleichzeitige Nutzung der fünf Organisationsalternativen zu verdichten und zu beschleunigen.

 

Dr. Rolf-Christian Wentz

 

Quellen:

  • Romans A (2016) Masters of Corporate Venture Capital, CreateSpace